Jagen & Sammeln in Dana Meyers Werk – Judit Rönsch

Dana Meyer ist eine Sammlerin. Die Künstlerin bevorzugt es, die Materialien ihrer stählernen Skulpturen als Fundstücke zusammenzutragen. Aus aufgefundenen Stahlplatten und Reststücken schmiedet sie ihre tierischen oder menschlichen Figuren von unterschiedlichster Größe und Wirkung. Analog zu diesem Arbeitsprozess scheint sich auch die Zusammenstellung der inhaltlichen Grundlage ihrer Werke zu verhalten: Bei der Konzeption der stählernen Skulpturen schöpft die Bildhauerin Inspiration aus anekdotischen „Versatzstücken“, die sie durch neugieriges Forschen sowie einen offenen Blick auf verschiedene Medien sammelt. Radio-Features, Reportagen, Zeitungsartikel und Erzählungen bieten nicht selten den Stoff, aus denen sie die erste Idee für eines ihrer Werke entwickelt.1

Meyers Serie Wilhelms Große Jagd bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Sie ist vielmehr ein hervorragendes Beispiel für die Art und Weise, mit der die Künstlerin im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdige Narrative auswählt, mit tradierten darstellerischen Motiven der Kunstgeschichte verknüpft und schließlich ins Bildwerk übersetzt. Im Fall der rostbraunen Köpfe von Wildtieren, welche die Künstlerin in ihrer üblichen Arbeitsweise aus einem Flickenwerk von Stahlsegmenten zusammenfügt, liegen Erzählungen aus dem preußischen Jagdkosmos zugrunde.

Die im Werktitel genannte historische Persönlichkeit Kaiser Wilhelm II. scheint sich für eine Sammlerin interessanter Anekdoten geradezu aufzudrängen: Dem sprichwörtlich gewordenen „Reisekaiser“ mit einer Vorliebe für prachtvolle Uniformen wurde häufig ein Hang zur Selbstdarstellung attestiert, wodurch er mutmaßlich versuchte, eine Behinderung an seinem linken Arm in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit auszugleichen. Es mangelt nicht an humoristischen, bissigen oder ironisierenden Erzählungen, deren Überlieferung Aufschluss über die Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie das politische Gebaren des letzten deutschen Kaisers bieten.2

Wilhelm II. versuchte sich auch und insbesondere durch die Jagd hervorzutun. Als schlechter Reiter und gehemmter Schütze musste ihm der prestigeträchtige Jagderfolg jedoch auf Umwegen und mit verschiedenen Hilfsmitteln ermöglicht werden. Hierzu wurden Schusswaffen mit einem besonders schlanken Griff an sein Handicap angepasst. Bei den Drückjagden des Kaisers wurde Hochwild in einen verhältnismäßig kleinen, durch Gatter abgesperrten Bereich getrieben und dort von der „aus allen Knopflöchern feuernden Majestät […] zusammengeschossen.“3 Die Ergebnisse dieser Jagden, bei denen der Kaiser vier Flinten abwechselnd schussfertig zugereicht bekam, wurden sorgfältig dokumentiert. Wilhelm II. erlegte im Lauf von vier Tagen 28 Hirsche, 578 Hasen, 60 Wildschweine, 4 Damschaufler, 2609 Fasane und 85 Füchse.4 Die Zahlen der Jagderfolge von Kaiser Wilhelm II. sind neben solchen Auflistungen in Jagdzeitschriften auch heute noch auf Markierungssteinen in deutschen Wäldern nachzulesen: „Unser durchlauchtigster Markgrafe u Herre Kaiser Wilhelm II. faellete allhier am 12. Octobris a.d. 1904 Allerhöchst seinen 100. edel Hirschen auff der Groß Schoenebeckschen Heyde.5 Aus früheren kaiserlichen Jagdgebieten wie der Schorfheide bei Groß Schönebeck sind heute vielfach Naturschutzgebiete und Biosphärenreservate geworden. Die Jagd, die historisch nur wenigen Mächtigen vorbehalten war, trug hier beinahe ironisch dazu bei, dass die Vegetation vor weiteren menschlichen Eingriffen bewahrt wurde. Diese historischen Randnotizen zu Kaiser Wilhelms Schießleistungen und deren Folgen bewegen sich im größeren Themenfeld der Jagd und damit in einem Motivkreis, dessen Bildtradition vermutlich so alt wie die Kunst selbst ist – wohl nicht zuletzt ein Grund für Dana Meyer, derartige Erzählungen zum Mittelpunkt ihrer Serie zu machen.

Bereits auf Felsmalereien in der spanischen El-Castillo-Höhle, deren Alter nach neueren Untersuchungen auf mehr als 65.000, mindestens aber 30.000 Jahre geschätzt wird, sind ein von Speeren getroffener Bison und ein in die Falle geratener Hirsch zu erkennen.6 Derartige Darstellungen markieren den frühesten bisher bekannten menschlichen künstlerischen Ausdruck, so dass die Relevanz des Jagdmotivs für die Menschheit sich allein schon an seinem Alter verdeutlicht. Neben den prähistorischen Malereien gejagter Tiere reichen die Abbildungen der Jagd in der Kunstgeschichte von mythologischen Darstellungen und Jagdgottheiten bis zur Verknüpfung mit christlicher Ikonografie. Hier wird der gejagte Hirsch zum Symbol Jesu Christi, der den Opfertod stirbt.7 In der mittelalterlichen Kunst spielte die Jagd eine herausragende Rolle, ganz besonders bei der Konstruktion und repräsentativen Inszenierung höfischer Leitbilder sowie der Sicherung des Vorrechts der Herrschenden. In der Kunstgeschichte durchlief das Jagdmotiv zahlreiche Bedeutungsebenen von allegorischen und moralischen Sinngehalten bis hin zu erotischen Anspielungen.8 In neuerer Zeit mag es eher der „röhrende Hirsch“ in kitschig-idyllischen Landschaften und von schweren goldenen Schnörkeln umrahmt sein, der ins Gedächtnis tritt, wenn von der Jagd in der Kunst die Rede ist. Trotz der deutlichen Veränderung des Stellenwertes der Jagd als Kulturpraktik kann das Bildthema weiterhin ein interessanter Gegenstand für die zeitgenössische Kunst sein.

Die Jagd hat sich in der Geschichte von der unmittelbaren Existenzsicherung durch die Beschaffung von Rohstoffen für Nahrung und Kleidung bis hin zur Sicherung von Besitz und Status entwickelt. Welche Personenkreise in welchen Bereichen jagen durften, bestimmten die Herrschenden und diese hielten auch damit über lange Zeit die Ungleichheit der Ständegesellschaft aufrecht. Der Jagd liegt demnach historisch begründet ein Ausdruck von Herrschafts- und Machtverhältnissen inne. Dies betrifft nicht nur das Verhältnis von jagendem Menschen und gejagtem Tier, sondern spielt sich auch im Zwischenmenschlichen ab. Bei der Ausübung der höfischen Jagd wurden etwa auch Handelsgeschäfte abgeschlossen oder Politik betrieben. Diese Praxis lässt sich bis ins 20. und 21. Jahrhundert verfolgen. Als Beispiel hierfür kann Erich Honecker angeführt werden, der sich mit Parteioberen zum Jagen in der Schorfheide traf und den BürgerInnen der DDR das gleiche Recht verwehrte. Mit 32 Stück erjagten Wildes innerhalb von neun Tagen kam er zwar nicht an Wilhelm II. heran, zeigte aber dennoch eindrücklich, dass die Jagd auch im jüngeren Verlauf der Geschichte als elitäre Freizeitbeschäftigung und Statussicherung fungieren kann.9

Dana Meyer macht sich diese Aufladung des Jagdmotivs zu Nutze und verarbeitet in Wilhelms Große Jagd historische Machtverhältnisse in Stellvertretung vieler anderer Herrschenden; im großen Feld der Jagdmotive findet sie aber auch andere Bilder und Anknüpfungspunkte für aktuelle wie zeitlose Fragestellungen.

Inder Serie Wilhelms Große Jagd zeigt die Künstlerin die Köpfe von Hochwild in verschiedenen Lebensaltern und Geschlechtern. Hirsche mit ausladendem Geweih, ein zierlicheres Reh mit kleineren Hörnern und ein kleines, jung und schutzlos wirkendes Kitz sind – abgetrennt vom Körper und mit heraushängenden Zungen – eindeutig als leblose Trophäen zu interpretieren. Die für Meyers Skulpturen typische Durchlässigkeit der dargestellten Tierkörper, die durch das Zusammenfügen der Stahlsegmente entsteht, wirkt in diesem Zusammenhang morbide. Betrachtende können Assoziationen zur Verwesung ziehen. Die glorifizierende Darstellung und das stolze Ausstellen einer Jagdtrophäe sähen vermutlich vollkommen anders aus. Vielmehr kommt bei Meyer durch das ungeschönte Zeigen der abgetrennten Tierköpfe eine bittere Ironisierung der anekdotisch überlieferten Jagdpraktiken Kaiser Wilhelms II. im Gegensatz zu seiner glanzreichen Selbstdarstellung zum Tragen.

Eine weitere Verarbeitung des Motivs der Jagdtrophäen in Meyers Werk bilden verschiedene Skulpturen von Tierfellen. Unter dem Titel Das Phlegma zeigt die Bildhauerin äußerst naturnah wirkende Darstellungen von abgezogenen Fellen eines Schweines, eines Hasen und eines Zebras. Die rostige Oberflächenstruktur und rotbraune Farbigkeit des verwendeten Stahls verleihen teilweise den mimetischen Eindruck von echtem Wildleder. Trotz des wuchtigen Materials, welches bei den großformatigen Fellen ein stolzes Gewicht auf die Waage bringt, ist es Meyer bei ihren Phlegmata gelungen, den einem Tierfell eigenen Eindruck von Leichtigkeit und Haptik zu evozieren. Der Werktitel, unter denen die Tierfelle zusammengefasst werden, gibt jedoch auf den ersten Blick Rätsel auf. Der Duden definiert das Phlegma als eine „nur schwer zu erregende und zu irgendwelchen Aktivitäten zu bewegende Gemütsart“10. Diese Inaktivität trifft auf die dargestellten leblosen Tierhüllen im wahrsten Sinne des Wortes zu, kommt als Beschreibung in Anbetracht des wahrscheinlich gewaltsam herbeigeführten Todes der Tiere allerdings zynisch-euphemistisch daher.

Die Präsentationsweisen der Phlegmata gehen im Gegensatz zu Wilhelms Großer Jagd stärker auf die repräsentative Tradition der Trophäe ein: Sie können auf dem Boden liegend oder an der Wand montiert gezeigt werden und suggerieren dadurch eine Parallele zwischen der Praxis der Ausstellung von Jagdbeute und Werken bildender Kunst. Begehrte Trophäen übersteigen in der Jagdwelt zumeist den Wert des erjagten Wildbrets. Dieser Umstand verdeutlicht die Verschiebung der Jagd von der Existenzsicherung hin zur Statussicherung und wirkt auch über feudale Zeiten hinweg. So lässt das von Meyer aufgegriffene Motiv des Zebrafells an Großwildjäger in Steppengebieten denken und eröffnet dadurch den Blick auch auf imperialistisch geprägte globale Machtverhältnisse.

In den hier beschriebenen Werken rückt die Künstlerin explizit tote Tiere ins Zentrum der Gestaltung. Diese unterscheiden sich von den sonst äußerst lebendig wirkenden, scheinbar vor Bewegungsenergie aus jeder angedeuteten Muskelfaser sprühenden Tierskulpturen der Künstlerin.

Bei der Darstellung von Trophäen, die bei Dana Meyer auch Repräsentanten historischer Ereignisse und Kulturpraktiken sind, wird die Bildhauerin gleichsam zur Präparatorin. Wie in der Taxidermie Tierkörper zu Studien- und Dekorationszwecken kleinteilig handwerklich zerlegt, wieder zusammengesetzt und konserviert werden, vollzieht die Künstlerin einen ähnlichen Prozess während der Bearbeitung und Zusammensetzung der Skulpturen.

Die Beschäftigung der Bildhauerin mit dem Motiv der Jagd knüpft an eine lange Tradition in der Kunstgeschichte an. Mit diesem Bildthema ist es Dana Meyer möglich, formale künstlerische Interessen wie die Analyse von Bewegung, Haptik und Plastizität anhand von Naturstudien mit konzeptionellen Inhalten wie den gesammelten Anekdoten und die sich darin spiegelnden Machtverhältnisse zu verbinden. Die Verwendung des Jagdmotivs bietet den Betrachtenden einen großen Assoziationsraum für existentielle Fragestellungen, die sich zwischen Leben und Tod, Sieg und Niederlage, Gewalt und Erhalt sowie Kultur und Natur bewegen.


1 Alle im Text genannten Aussagen der Künstlerin basieren auf persönlichen Gesprächen der Autorin mit Dana Meyer am 03. März 2020.

2 Vgl. z.B. KOHLRAUSCH, Martin: (Hrsg.): Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen, Berlin 2006.

3 Quasi Verrückte. Deutschlands älteste Jagdzeitschrift hat Jubiläum, in: Spiegel 46/1994, zitiert nach: https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13693427.html (Letzter Abruf am 3. Mai 2020).

4 Ebd.

5 Diese Inschrift ist auf einem Gedenkstein in der Schorfheide zu finden. Zitiert nach: Kaiser Wilhelm II schießt 1000. Hirschen, in: BR online Archiv, 20. September 2010: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kalenderblatt/2009-Kaiser-Wilhelm100.html (Letzter Abruf am 3. Mai 2020).

6 Klein, Stefan: Jagen, sammeln, malen. Höhlenmalerei, in: Zeit Magazin 26/2018, https://www.zeit.de/zeit-magazin/2018/26/hoehlenmalerei-neandertaler-tropfstein-hoehle-suedeuropa-entdeckung/komplettansicht (Letzter Abruf am 3. Mai 2020).

7 Stutzer, Beat: Jagd. Der Hirsch als Motiv der bildenden Kunst, in: Bündner Schulblatt 43/1983–84, S. 12.

8 Einen Überblick der unterschiedlichen Bedeutungskontexte gibt der Ausstellungskatalog: Perse, Marcel / Wiegmann, Karl-Heinz (Hrsg.): Die Jagd. Ein Schatz an Motiven, Städtisches Museum Schloss Rheydt / Museum Zitadelle Jülich, 2019.

9 Husemann, Ralf: DDR-Führung. Bonzen auf der Pirsch, in: Süddeutsche Zeitung 19.05.2018, zitiert nach: https://www.sueddeutsche.de/politik/jagd-und-macht-in-der-ddr-1.3973800 (Letzter Abruf am 3.5.2020).

10 Art. „Phlegma“, in: Duden online, https://www.duden.de/node/111200/revision/111236 (Letzter Abruf am 3. Mai 2020).

Über die Autorin

Judit Rönsch

Kuratorin Frommanscher Skulpturengarten Jena Projekt Prof, Dr. Verena Krieger Lehrstuhl für Kunstgeschichte Friedrich-Schiller-Universität Jena

Requisiteurin Thüringer Landes Theater

„Animal Crossing“ Puplikation Jenaer Kunstverein (Pdf)

Das Phlegma – Zebra (1) Dana Meyer
Das Phlegma – Zebra